Charlenes Abschied 5

Zum Lehrerstudium

Dreißig Jahre hatte Charlene um dieses Kind geweint, als sie längst ihre beiden anderen schon hatte und über sie glücklich war mit ihrem damaligen Mann.
Da für beide, Mutter und Charlene, dieses Ereignis zu plötzlich kam, wussten sie sich nicht zu verhalten. Mutter rannte zum Pfarrer wegen der Beerdigung, der hatte die Eltern zwar getraut und alle drei Langekinder getauft, aber dieses nicht. Charlene war zornig auf Gott, sie wollte das alles nicht, bat die Mutter, dass der Pfarrer nicht im Talar auf den Friedhof kommen solle. Dem Kind im Sarg löste sie die gefalteten Hände und steckte Blumen hinein. Der Pfarrer stand dann im wehenden Talar im Schneegestöber und behauptete, Gott hätte ihnen das Kind genommen, weil sie es nicht hatten taufen lassen. Da keiner den Beerdigungstermin wusste, unbeholfen wie sie waren, hatten sie es versäumt, Bescheid zu sagen, predigte der vor fünf Menschen. Sicher hatte er sich das anders vorgestellt. Aber seitdem mied Charlene alle Kirchen.
Als sie nach der Beerdigung nach Hause kamen, lag der ganze Hausflur voller Kränze und Blumen. Ergebnis des Mitgefühls der Hausbewohner und Nachbarn, die das Blauäuglein gemocht hatten. Auch von fremden Menschen aus der Nachbarschaft wurde sie mitleidig angesprochen. Eine Frau hatte erst kurz vorher ihr Kind durch plötzlichen Kindstod verloren und wollte sie umarmen, aber Charlene ließ so etwas nicht zu. Sie war zuerst wie erstorben gefühlsmäßig.
Damals ließ Charlene ein hübsches hellgraues Kostüm schwarz färben und ging in Trauer. Ihre Vertretung in der Telefonzentrale konnte nicht tippen, ihren rechten Daumen und Zeigefinger verlor sie an eine Maschine in der Produktionshalle unten, saß hier auf einem Schonplatz. Aber ohne zu tippen konnte sie auch diese komische Lochmaschine nicht bedienen, die in der Zentrale stand. Man gab den Text per Hand über die Tastatur ein, die Maschine stanzte einen Streifen, den man dann ganz schnell an einen Empfänger senden konnte. Das fehlte den Ingenieuren bei der Arbeit, besonders der Absatzabteilung. Vielleicht hatte der Personalchef sie darum so entbehrt.
Als sie wieder dort saß, fand sie einiges verändert. Man hatte dieses Ende des Treppenhauses, in dem sich die Telefonzentrale befand, inzwischen mit einer Glaswand abgetrennt. Es zog nun dort nicht mehr, die kleine Luke wie bei einem Pförtner blieb geschlossen, wenn keiner etwas von ihr wollte. So vermied man den direkten Kontakt und war weniger ansteckungsgefährdet als vorher beim Verkauf der Essenmarken. Die Vermittlungsaufträge gaben alle per Telefon. Da waren nun auch weniger Nebengeräusche zu hören.
Trotzdem wollte Charlene dort nicht alt werden. Wieder bewarb sie sich an einem Lehrerbildungsinstitut. Um bessere Chancen zu haben, dort angenommen zu werden, benötigte sie eine Delegierung aus dem Betrieb. Die wollte der Personalchef natürlich nicht geben, aber Charlene hatte einen Besuch von einem früheren Spielkameraden, dessen Eltern immer noch neben Mutter unter dem Dach wohnten, der ihr einen Rat gab. Sie könne von der Jugendorganisation eine solche Delegierung bekommen. Nur leider war Charlene schon mit elf wieder aus den Jungen Pionieren ausgetreten, weil sie den kleinen Bruder nicht mehr zu den Gruppennachmittagen mitbringen durfte. So war sie nicht wie die anderen automatisch in die FDJ übernommen worden.
Der FDJ-Sekretär des Betriebes mochte sie und nahm sie nicht nur als neues Mitglied auf, sondern schrieb ihr auch eine Delegierung zum Studium. Als sie das Bewerbungsfoto machen ließ, traf sie eine Mitschülerin von ihrer früheren Fotofachklasse und deren Chefin bot ihr den Job an, in dem sie sich zur Fotografin weiterbilden konnte. Also schied sie schneller als gedacht aus der Maschinenfabrik aus. Das Institut hatte ihr für das anlaufende Studienjahr abgeschrieben, also nahm sie die Stelle bei der Fotografenmeisterin an. Die schickte sie auf Architektur-Außenaufnahmen, was auf Anhieb klappte. Aber dann sollte sie mit einer völlig fremden Kamera eine Hochzeit fotografieren und das ging schief.
Entnervt arbeitete sie in der Negativentwicklung, als plötzlich das Lehrerbildungsinstitut telegrafierte, sie solle sich in der nächsten Woche im Immatrikulationslager melden. Es war jemand zurückgetreten. Sie erbat sich von der Meisterin drei Tage Bedenkzeit und griff dann zu. Gern dachte sie an das Lager zurück. Als Ergebnis hatte sie während der Immatrikulationsfeier vor dreihundert Leuten die Antrittsrede für ihr Studienjahr zu halten. Alle waren zufrieden, die Stimmbildnerin des Instituts erließ ihr sofort die Stimmbildung, weil sie das ja könne. Schon nach dem halben Studienjahr erhielt sie Leistungsstipendium. Das Wohnen im Internat war preiswert. Mittagessen war auch sicher. Aber da wohnte dann wieder ein Kerl, ein Kommilitone mit blondem Haar und blauen Augen, wieder fiel sie darauf rein.

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