Die herrlich verrückte Welt 9.

Sie blickten sich in die Augen. Beide erfüllte Glückseligkeit. Sie wussten es nicht zu deuten. Das Universum öffnete sich einen Augenblick und ließ sie die Verbundenheit mit allem Glück, aller Zufriedenheit, allem Stolz der Menschen guten Willens fühlen.
Sie waren satt. Ihr Frühstück beendet. Ein neuer Arbeitstag begann. Viel hatten sie noch vor sich. Träume konnten sich erfüllen. Wege führten von hier in eine noch unbekannte Zukunft. Im Moment gab es keine Einbahnstraße. Sie standen an einem Kreuzpunkt, jetzt galt es frische Pfade zu ebnen und zu gehen.
Cheryl war voller Tatendrang. Ruhelos stand sie auf, wollte das Kaffeegeschirr abräumen. Aber Finn löste ihre Finger von der Tasse und führte sie an seinen Mund. Zog sie an sich. Küsste zärtlich erst ihre Stirn, dann, als sie ihn zu sich herunterzog und küsste, umarmte er sie eng und hielt sie still an sich gepresst, als wolle er sie nie wieder loslassen. Und so war es auch. Sie erwiderte den Druck liebkosend, streichelte seine Wange.
He, du musst dich rasieren. Ist ja richtig hart, was da bei dir sprießt.
Meinst du?
Sie fühlten beide im gleichen Moment, was da außerdem hart wurde.
Sie lachten. Er etwas erschrocken laut. Sie leise glucksend.
Dann trennten sie sich voneinander. Er ergriff den Henkel der Kaffeekanne und sie begann, die Tassen zusammenzustellen.
Lass mich das allein machen, du musst dich rasieren gehen, bevor die ersten Kunden bei dir klingeln. Hier gibt´s kein Rasierzeug.
Meine Kunden nehmen auch einen Dreitagebart in Kauf.
Na, nu geh schon.
Wo habe ich meine Schlüssel? Müssten hier in der Hosentasche stecken bei der Brieftasche.
Vielleicht oben rausgefallen gestern Abend?
Ich gehe suchen.
Er steigt die Treppe hinauf und kommt kurz drauf schlüsselklappernd wieder.
Ein Haus verliert nichts, Oma Goldingers Spruch.
Hat dir außer dem Haus und Lädchen viele Sprüche hinterlassen.
Lebensweisheiten, immer gültige. Ein ganzes Vademekum.
Er sieht sie fragend an.
Na, ein Buch, ein Leitfaden, auf den man immer zurückgreifen kann im Gedächtnis.
Klasse! – Tschüss dann also.
Tschüss mein Lieber.
Er geht durch den Laden, in der Ladentür steckt schon der Schlüssel, sie folgt ihm, winkt kurz hinterher und schließt wieder ab. Schaut sich im Laden um wie in einer neuen Welt. Alles sieht irgendwie verändert aus. Nur, dass sich außer ihr selbst nichts verändert hat. Oder doch?
Cheryl spült das Geschirr, denkt an die Wirtin und den alten Tanzsaal, die weiß von allem noch nichts. Ich muss hin. Sie stellt das Geschirr zum Abtropfen und lässt es dort stehen.
Auf der Terrasse gibt es eine mit einem wetterfesten Grasteppich belegte Holzklappe, die sie jetzt freilegt. Man muss am eingelassenen Eisenring ziehen, dann lässt sich öffnen. Sie legt die schwere Klappe ganz nach hinten, sucht nach einem Holzkeil, den sie einlegt, damit niemand sie da unten einsperren kann. Dann steigt sie die schmale Leiter runter in den niedrigen Keller, wo sie früher die Kohlen hatten, jetzt nur noch einen Kartoffelvorrat für den Winter einlegen will. Von der Straße fällt wenig Licht durch die mit Drahtglas verschlossene, völlig verdreckte Luke herein, aber sie sieht, was sie sucht: Ihr Fahrrad. Es ist leicht. Ein altes Klapprad. Noch genug Luft auf den Reifen? Nee, natürlich nicht. Die Luftpumpe ist dran, also erst mal raufschaffen. Sie wuchtet es die steile Leiter hoch, die zum Glück nicht lang ist, denn der Keller ist gerade mal 180 cm hoch. Genug für kleine Leute, wie sie früher fast alle waren.
Leere Gläser müsste sie noch hochschaffen, jetzt sind preiswert Früchte auf dem Markt. Einkochzeit. Vitamine für den Winter. Die Kartoffelhorde muss auch mit Essigwasser geschrubbt werden, bevor sie die Erdäpfel einkellert. Die Arbeit macht man am besten an der frischen Luft. Wieviel Zeit hat sie jetzt noch? Reicht.
Sie lehnt das Fahrrad gegen die Wand und steigt wieder runter. Oh, fühlt sich nicht mehr ganz fest an unter den Füßen. Die Leiter muss eventuell erneuert werden. Statt Holz wird sie eine aus Leichtmetall kaufen und regelmäßig streichen müssen. Kellerluft ist aggressiv.
Sie nimmt einen Drahtkorb aus der Ecke und lädt Einmachgläser aus einem Regal, im Dunkel entgleitet ihr ein Glas und zerbricht.
Glück und Glas, wie leicht bricht das. Einer von Omas Texten.
Aber sie hat einen festen Handfeger und Blechschaufel irgendwo hier. Na bitte. Rasch aufkehren, bevor sie sich verletzen kann. Aber der Abfalleier steht oben. Kann ja mal ein Plasteimer zu diesem Zweck hier unten lassen, denkt sie und lässt die volle Schippe einfach stehen. Nee, lieber weiter ins Licht stellen, sonst trete ich noch mal rein.
Dann trägt sie den Korb mit den leeren Weckgläsern vor dem Bauch nach oben, stellt ihn seitlich ab und geht zurück. Die Kartoffelhorde lässt sich leicht auseinander nehmen. Rasch ist die auch oben, aber nicht ohne Hindernis: Eine Sprosse bricht unter ihr durch.
Mein Gott, bin ich so schwer!?
Ist bloß morsch, das Holz, ich achte doch auf mein Gewicht. Sie lacht froh und schiebt das Holz der Horde von der Luke weg, bevor sie raus steigt und die Leiter hochzieht. Sie muss ja wissen, wie lang die ist, um die neue im richtigen Winkel wieder anbringen zu können. Schiebt alles zur Seite und wuchtet den innen mit Blech verkleideten Lukendeckel hoch, um den Eingang wieder zu schließen. Trotzdem gibt es einen Knall, weil sie ihn nicht ganz bis zuletzt festhalten kann. Plötzlich stehen die Kater innen vor der Terrassentür und jammern. Die haben Angst, dass etwas passiert ist. Cheryl öffnet kurz die Tür, sie schnuppern in die kühle Morgenluft und gehen beruhigt Geschäfte erledigen in die Büsche am Zaun.

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