Die herrlich verrückte Welt 12.

Klar. Also Buchführung, Verwaltung, Bauleitung, Fürsprecher bei der Stadt
Eine gewisse Öffentlichkeit muss hergestellt werden, damit die Menschen hier wissen, was vor sich geht. Freiwillige werden sich angesprochen fühlen, ich muss nur aufpassen, nicht an Hasadeure zu geraten, an Aufschneider und Betrüger.
Sie scheinen Erfahrungen zu haben.
Vertrauensvorschuss ist wichtig, aber der allein kann mich nicht schützen und das Vorhaben.
Also benötigen sie wohl auch noch einen Rechtsanwalt, der sich in Verwaltungsrecht und Sozialamt auskennt.
Meinen sie? Ja, könnte wichtig werden, wenn es Streit gibt. Den gibt es immer, wo Menschen und Gefühle aufeinanderprallen.
Ich habe einiges notiert, aber wir müssen zuerst den Vertrag mit der Frau Wirtin und die Bankgeschichte regeln.
Mir schwirrt der Kopf.
Wem sagen sie das?!
Zum Glück ist ihr Laden der reinste Ruhepol. Daher nehmen sie wohl auch die Kraft für den Überblick, den sie bei aller Betroffenheit zeigen.
Danke! Ich nehme das als Kompliment. Arbeiten sie rasch und angemessen gut. Wie wollen sie entlohnt werden? Wöchentlich, monatlich, nach Fertigstellung? Oder hat Herr Hosengut da die Kompetenz?
Cheryl lacht. Die Ladenklingel geht. Herein spaziert Herr Schulze-Mayer, Adolf. Er stellt sich umständlich vor und wünscht ein Gespräch mit Cheryl unter vier Augen.
Wir sind soweit fertig. Ich verabschiede mich also.
Cheryl gibt ihm die Hand und schaut ihn zwinkernd an, was er natürlich nicht versteht, aber das ist ihr egal.
Höflich wendet sie sich an den Besucher. Sie ist gespannt, was er von ihr will und stellt fest, dass es wirklich schon um ihre Nachbarin Käthe Kohl geht. Er will eine Auskunft, weil diese heute ihren Marktstand nicht belegt hat.
Ich bin keine Auskunftei. Außerdem hat sie mit Laden und Markt so viel Stress, dass es kaum mal zu ein paar persönlichen Worten kommt. Sie müssen sich schon selbst zu ihr bemühen.
Beleidigt will er gehen. Aber sie möchte ihn sich nicht zum Feind machen.
Vielleicht ist ihr Mann wieder krank, dann muss sie selbst im Laden bedienen oder ihn zum Arzt kutschieren. Der läuft ja so schlecht, hat dauernd Hexenschuss …
Ach? Das ist gut, dass ich das weiß. Sie schmeißt wohl alles allein, ist tüchtig?
Na, das müssen sie mir schon glauben!
Danke.
Er verabschiedet sich. Cheryl lächelt in sich hinein. Sein Interesse scheint ihr für den Verwirrzauber von Wichtigkeit, aber sein gezücktes Notizbüchel und der gespitzte Kopierstift, den er dauernd anleckt, sind ihr höchst zuwider. Es schien, als hinterließe er einen Altmännergeruch von ungewaschener Kleidung im Laden. Darum tritt sie vor die Tür und lässt Frischluft herein.
Herr Schulze-Mayer steht jetzt vor dem Gemüseladen. Aha, da hängt also ein Zettel, den er liest. Als er zurück kommt, nickt er ihr zu: Wegen Krankheit geschlossen. Wahrscheinlich haben sie recht.
Er schien ihr deutlich freundlicher zu sein, als vorhin.
Sie überlegt. Hatte sie überhaupt einen Tagesplan für heute? Die Ereignisse folgten so Schlag auf Schlag, dass sie im Moment nicht weiß, was sie sich für heute vorgenommen hat. Lesen mochte sie auch nicht. Langeweile war ihr eigentlich fremd, aber nun dachte sie mehr an Flüchtlinge, an Liebe, Kellerleiter, Einkochen, ja, auch mal wieder Hausputz und eine ordentliche Mahlzeit kochen. Sie spürt, dass Liebe hungrig macht und geht hinter in die Küche. Sie kann die Ladenklingel auch von hier hören, falls jemand kommen sollte.
Aber plötzlich klingelt das Telefon. Cheryl rast in den Laden und hofft auf ein Gespräch mit Finn. Sie nimmt ab und meldet sich. Es ist die Redakteurin Mai, die doch schon jetzt kommen möchte. Klar, das ist gut. Und es dauert nicht lange, da fährt schon ein kleines Auto vor und eine lange, dünne Frau mit männlich kurzem Haarschnitt steigt aus. Doch aus der Seitentür beim Beifahrersitz steigt noch ein rundlicher Herr mit Goldbrille und einer kleinen Haarinsel mitten auf dem blanken Kopf. Cheryl begrüßt beide. Der männliche Begleiter wird ihr als Lovis Lohe vorgestellt, ein Verkäufer von Zelten, Wohnwagen und Autoanhängern.
Sie bittet die beiden auf das Sofa und holt sich wieder ihren Hocker hinter der Kasse hervor. Frau Monika Mai bittet um einen Tisch, um ihren Laptop nicht auf den Knien halten zu müssen. Die Tische im Laden sind zu hoch, Cheryl fällt der Klapptisch in der Ecke ein und er findet Gnade vor den Augen der Besucherin.
Sie haben Ideen, Flüchtlinge unterzubringen, sagten sie am Telefon. Frau Mai schaut interessiert.
Genau. Mir dreht sich das Herz im Leib herum, wenn ich an die frierenden Kinder in den Zelten denke. Sie stammen aus viel wärmeren Ländern und haben eine anstrengende Flucht hinter sich mit vielerlei Strapazen und beängstigenden Situationen. Ich glaube, dass ich helfen kann und will einen Teil meiner Verantwortung als nicht so arme Deutsche wahrnehmen.
Das ist ja toll! Wollen sie spenden?
Nein, so direkt vertraue ich ehrlich gesagt den Verantwortlichen nicht. Sie sind alle ziemlich unvorbereitet und hilflos. Ich habe einen Ort aufgetan: Die Frau Traub von der Wirtschaft „Am Mühlgraben“ kocht schon für Flüchtlinge. Früher waren in ihrem großen Saal Tanzveranstaltungen. Ihre Küche ist also groß genug, noch mehr zu kochen. Sie hat sich schon allerlei Hilfe organisiert, die sich erweitern ließe. Meine Idee dreht sich um den seit dem Tod ihres Mannes ungenutzten Tanzsaal, den man als Winterquartier für Frauen und Kinder nutzen könnte. Ich habe schon Verbindung mit dem Architekten Hannes Hosengut aufgenommen, der seinen Gehilfen Robert Dillgarten beauftragt hat, meine Wünsche aufzunehmen und so gut es geht umzusetzen.
Mein Gott, das ist ja Wahnsinn. Sie haben schon mit der Organisation begonnen. Was können wir von der Zeitung tun, ihrer Ansicht nach?

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