Orgelkonzert

Als ich heute im Schlossgarten-Café einen Kaffee trinken ging, lernte ich eine Journalistin kennen, die hier sieben Wochen kurt.
Es war so, dass ich in Redefluss geriet, es hat ihr wohl gefallen, denn sie lud mich nachträglich ein und bezahlte meine Zeche von über 10 €. Da sie anschließend zum Orgelkonzert in der Erlöserkirch hier in Bad Homburg verabredet war mit anderen Kurgästen, schloss ich mich spontan an, schließlich hatte ich die 10 € Eintritt ja durch ihre Einladung gespart.
Das Konzert begann 19.30 Uhr und Susanne Rhon spielte an einer Neuen Bach-Orgel und an der Sauer-Orgel
1. von J. S. Bach
2. und von Max Reger
• 1.Passaglia und Fuge c-Moll (BWV 582)
• „Vor deinen Trohn tret ich hiermit“ a 2 Clav. e Pedale (BWV 668)
• Unvollendete Contrapunctus 14 aus „Die Kunst der Fuge“ (BWV 1080)
• 2. Introduktion und Passaglia d-Moll (o.O.)
• Benediktus (op. 59, Nr. 9)
• Phantasie und Fuge über B-A-C-a (op. 46)
Ich hatte mir schon einmal diese evangelische Kirche in meiner Straße angesehen, empfand sie immer noch als kalt und prächtig, Gold und Silber und Eisen herrschen in vielfältigen, orientalisch anmutendenden Mustern vor.
Das Kruzifix auf dem Altar metallen, an der Kanzel weiße Sandstein (?) Reliefs, kein Parament am Pult. Der Christus über dem Altarraum in der Kuppel grau, silber und golden, hält in einer Hand die Erdkugel, mit der anderen zeigt er drei Finger (kombiniere: Dreifaltigkeit, Vater-Sohn-heiliger-Geist). Daneben Bücher und Löwenwappen, bei S MARKUS der geflügelte Löwe mit Löwengesicht, bei S LUCAS ein ebenfalls geflügelter Löwe, aber mit Schafsgesicht und Widderhörnern.
Den Kuppelrand ziert in Großbuchstaben Gotischer Unziale der Bibelvers: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ bis dahin konnte die Journalistin es entziffern, als sie stockte, ergänzte ich „niemand kommt zum Vater, denn durch mich“. Ich fragte, wo das steht, denn ich hatte es noch nicht gesehen, nur auswendig hergesagt.
Während des Konzertes zählte ich dann die goldenen Sterne bei den Evangelisten und ihren Wappentieren. Es sind jeweils 24, also 2x die 12 Jünger Jesu. Das Gesicht des Christus blickt sehr ernst, „besorgt“, meine die Journalistin. „Nun, kein Wunder beim heutigen Zustand dieser Welt“ entfuhr es mir.
Als ich mir das Programm mit dem Hinweis der Notenfolge b-a-c-h ansah, fiel mir auf, dass das mit meinem Namen auch geht: g-e-c-a, Gertrud Elisabeth CAlow. Ich versuchte die Notenfolge zu singen, es klingt auch ganz hübsch. Die Journalistin drückte mich daraufhin herzlich und sagte: „Du bist genial!“ Aber ich war ganz baff…

 

Die Orgel erklang mal zart, mal wie Donnerhall – mir ist ja die Musik vertraut, Bach und auch Reger haben wir in der Stadtkirche meiner Heimatstadt Wittenberg, der Predigtkirche von Martin Luther St. Marien, wo auch das Ölgemälde meines Urahnen Abraham Calow hängt,  oft gesungen. Mehrmals sang ich dort das bachsche Weihnachtoratorium mit, einmal die Matthäuspassion, und Max Reger stand auch oft auf den Programmzetteln bei unseren Konzerten der Johann-Walther-Kantorei, in der ich seit meinem 9. Lebensjahr mitgesungen habe.

 

Damals war ich so versiert, dass ich „vom Blatt“ absingen konnte, allerdings musste ich darum auch immer „springen“, mal im 1. Sopran, mal im 2. oder sogar im Alt mitsingen, je nachdem, wo Stimmen mangelhaft besetzt waren. Das brachte mich dann bei den Diakonissen in Magdeburg-Cracau in den „kleinen Chor“, was mir besondere Auftritte in der dortigen Kapelle und in anderen Gemeinden brachte. Anfangs versuchte die Chorleiterin dort, meine Stimme „auszubilden“ für Sologesang, aber ich wusste ja schon als Kind, dass ich zwar sicher singe und für andere Chormitglieder ein „Halt“ sein kann, aber ich habe eben immer nur eine Chorstimme gehabt, für Solo taugt sie nicht.

 

Als ich mit 6 Jahren vor der Gemeinde öffentlich allein „Es kommt ein Schiff geladen …“ singen musste, weil ich alle Strophen auswendig konnte und richtig, kam ich mir recht dumm vor und fand es nicht schön. Eben selbstkritisch. Ich hatte doch schon tolle Solostimmen gehört und wusste, dass sogar die volle Altstimme meiner Mutter, die sogar manche Basstöne erreichen konnte, viel besser war als meine. Sie hatte mich ja immer beim Wäscheaufhängen gezwungen, allein die erste Stimme zu Volksliedern zu halten, damit sie die zweite dazu singen konnte.
Mein Klavierunterricht scheiterte allerdings an meiner Sensibilität, denn der Kantor Hermann Aps lag damals gerade in Scheidung, weil eine Orgelschülerin von ihm Zwillinge bekam und er sein Geschirr im Nebenraum klappernd spülte, während ich mein Pensum herunterspielte. Es war erniedrigend … Außerdem gefiel mir nicht, dass ich immer wieder die gleichen primitiven Liedchen und Tonleitern üben musste. Das war langweilig. Ich spielte zu Hause fantasiereich eigene Sachen mit zwei Händen, während ich dort nur immer mit rechts oder links und kaum mal mit beiden spielen durfte. Meine Mutter kam manchmal dazu und fragte, was ich denn Schönes spiele, aber dann ließ ich es lieber in ihrer Gegenwart. Als die Firma Kirche den Kantor wegen der Scheidung entließ, musste er sich als Repetitor beim Elbe Elster Theater ernähren…

Immer fallen mir so alte Geschichten ein …

Manchmal musste ich mir in dem heutigen Orgelkonzert die Ohren zuhalten, es war einfach zu laut und gewaltig!!! Und es strengte mich so sehr an, dass ich die Kirche nach einer Stunde vorzeitig verlassen musste.

„Oh Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. –   Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Das blieb mir in den Ohren, während ich nach Hause schlich.

Es war trotzdem ein Erlebnis, denn die „Kunst“ ist hier immer unbezahlbar und ich kann mir das nicht leisten.

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