Die herrlich verrückte Welt 14.

Cheryl kommt aus dem Staunen nicht heraus, als der Adolf Schulze-Mayer schon wieder auftaucht.
Entschuldigen sie bitte, nur noch eine allgemeine Frage: Ihre Nachbarin selbst ist doch kerngesund und couragiert. Was meinen sie, warum sie nicht statt ihres Mannes eine Hilfskraft für den Laden einstellt?
Wieder so eine Frage, die sie bitte an Frau Käthe Kohl selbst stellen sollten. Was weiß ich denn, wie das bei denen zugeht, ob sie knapp bei Kasse sind oder so. Sie ist hier bei mir nie so erzählfreudig oder gar klagebedürftig.
Scheint sehr zupackend und nicht geschwätzig zu sein. Das gefällt mir sehr. Ich würde ihr ja gerne unter die Arme greifen, aber sie ist immer noch nicht zurück.
Da brauchen sie eben Geduld. Aber ich denke, so praktisch, wie sie ist, würde sie eine verschwiegene, freundliche Hilfe nicht ablehnen.
Darf ich mich hier ein wenig setzen, um zu warten? Draußen ist es ganz schön kühl. Außerdem muss mich nicht jeder da vor dem Laden stehen sehen.
Cheryl überlegt einen Augenblick und sieht auf die Uhr. Es ist schon 11.30 Uhr. Noch etwas Zeit bis zur Mittagsschließung.
Also meinetwegen. Kommt vielleicht keine Kundschaft mehr für mich. Wenn ich inzwischen in meine Küche gehen und mein Mittagessen vorbereiten darf?
Ist das nicht leichtsinnig, einen fremden Mann allein in ihrem Laden zu lassen?
Sie sehen recht vertrauenswürdig aus.
Danke. Dann gehen sie. Hören sie dort die Ladenklingel, falls doch jemand kommt?
Natürlich, sonst könnte ich das nicht tun.
Aber kurz drauf geht tatsächlich die Klingel und Cheryl saust nach vorn.
Die Nachbarin steht mit verweinten Augen da.
Mein Mann musste ins Krankenhaus. Was mache ich jetzt nur?
Ach, Frau Kohl, sie sollten sich längst schon eine Hilfe hier für den Laden anstellen, wenn sie einkaufen fahren oder auf dem Markt stehen.
Herr Schulze-Mayer ergreift die Gelegenheit.
Wer sind sie bitte?
Frau Kohl kann sich nicht auf die Begegnung mit ihm im Rathaus besinnen, aber als er sich erklärt hat, sagt sie nur: Ach so.
Und wie, bitte schön, wollen gerade sie mir helfen?
Mit Rat und Tat, falls es erwünscht ist. Sicher gibt es im Haus Sachen, die wegen der Erkrankung ihres Mannes schon lange liegen geblieben sind, und die eine Männerhand gut gebrauchen können.
Sie mustert ihn und Cheryl sieht, dass sie auch seinen Geruch wahrnimmt.
Sie sind wohl alleinstehend?
Ja, wieso?
Ehrlich gesagt, eine Frau würde sehen, dass ihre Kleidung in die Waschmaschine muss. Wer macht ihnen denn Haushalt und Wäsche.
Das kann ich alles selber, mache es schon seit Jahren. Meinen sie, ich sollte die Kleidung öfter wechseln?
Ja, das meine ich.
Das sitzt. Er ist verdutzt über ihre Direktheit. Trotzdem scheint er es ihr nicht zu verübeln und beharrt auf seinem Hilfsangebot.
Mein Gott, dachte Cheryl, ob der Liebes – und Verwirrzauber schon zugeschlagen hat?
Frau Kohl mustert ihn erneut.
Kommen sie wieder, wenn sie sich umgekleidet haben und bringen sie einen Arbeitskittel mit, falls sie einen haben. Im Keller müsste mal nach dem Haupthahn der Wasserleitung geguckt werden, an der Heizung stimmt auch etwas nicht, denke, es ist die Wasserzufuhr. Hätten sie Ahnung davon? Mein Mann hat das früher immer erledigt.
Herr Schulze-Mayer steht zufrieden auf und verabschiedet sich herzlich von Frau Kohl per Handschlag. Cheryl nickt er bloß zu.
Käthe Kohl sinkt auf das Sofa. Sie ist sichtbar erledigt und Cheryl bietet ihr eine Erfrischung an, schließt den Laden und nimmt sie mit in ihre Küche, wo die Nachbarin heftig zu weinen beginnt.
Was Cheryl nie erwartet hätte, sie schüttet ihr das Herz aus.
Wir haben ja einen Sohn, der eigentlich helfen könnte, aber den haben wir zum Wirtschafts-Studium geschickt und nun will dieser undankbare mit dem Gemüseladen nichts mehr zu tun haben. Wie man´s macht, ist es verkehrt! Wir hätten ihn als Lehrbuben ausbilden sollen und erst sehen, was er taugt.
Sicher hatte er schon früher nicht viel für Gemüse übrig?
Genau. Und nun lässt er mich im Stich mit dem kranken Mann.
Als meine Mutter Krebs bekam, habe ich mein Studium sausen lassen und sie gepflegt bis sie starb. Dann hat die Oma Goldinger mir das hier vererbt. Ohne den Verdienst meiner Mutter konnte ich eh nicht weiterstudieren. Mein Vater verdiente damals zu gut, da war kein Bafög drin.
Mädchen haben offensichtlich mehr Herz für die Mutter.
Haben sie ihm denn überhaupt schon gesagt, wie es hier steht?
Ich muss ihn heute anrufen und sagen, dass sein Vater im Krankenhaus liegt. Vielleicht kommt er her und sieht alles.
Man muss ehrlich sein und bitten, wenn man Hilfe braucht.
Meinen sie?
Klar doch. Oma Goldinger würde sagen dass schon in der Bibel steht: Bittet, so wird euch gegeben. Klopfet an, so wird euch aufgetan. – Zu viel Stolz ist nicht gut. Schon gar nicht dem eigenen Kind gegenüber. Männer sehen oft nicht von allein, wie es jemandem geht und was nötig ist.
Da könnten sie recht haben. Wo schon ein völlig fremder aufmerksam geworden ist und mir helfen will.

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