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Otto Veit (zitiert von Kurt E. Becker):

„Sollen die blutigen Katastrophen unserer Tage samt allen körperlichen und seelischen Leiden einen Sinn gehabt haben …, so kann er nur im Durchbruch einer neuen Idee der Gemeinschaft liegen. Aber dieser Ertrag ist ausgehöhlt durch die weltanschauliche Verwirrung und Zersetzung, die inzwischen offenbar geworden ist und die der zweite Weltkrieg ins Ungemessene gesteigert hat. Nach Abnutzung der Weltanschauungsformen, die den Massen einstmals Halt geboten haben, kommt es jetzt darauf an, dass der Einzelne es fertigbringt, sich über alle <<Ismen>> hinwegzusetzen und zu einer unvorbelasteten Selbstgesetzgebung zu gelangen. Sollen die breiten Massen von der Idee der Gemeinschaft einen neuen Integrationskern erhalten, so müssen zuerst die Einzelmenschen vorhanden sein, die jener Idee einen ethischen Gehalt verleihen.“

Natürlich sind es Individuen, die eine „neue“ Ethik markieren im Denken und Handeln. Aber sie brauchen und suchen sich Anhänger, Gefährten, Jünger, weil ihre Ethik sonst Gefahr läuft, im sozialen Niemandsland zu verenden. Ethik meint doch gerade die konkrete Gestaltung der vita aktiva – und wie wie sollte die anderswo erfahrbar gemacht werden, als im sozialen Feld.

Ludwig Freund kann nur zugestimmt werden, wenn er bemerkt: „Vieles in der Geschichte hängt vom Zufall des Kommens oder Nichtkommens der geeigneten Persönlichkeiten im psychologischen Augenblick ab… Die Frage ist immer, ob irgend jemand da ist, der groß genug ist, den wirksamen Impuls auszulösen.“

Mit dem Wort „vita activa“ fasst Hanna Ahrendt in ihrem gleichnamigen Buch die drei Grundtätigkeiten des Arbeitens, Herstellens und Handelns zusammen. Diese drei sind <<Grundtätigkeiten, weil jede von ihnen einer Grundbedingung entspricht, unter denen dem Geschlecht der Menschen das Leben auf der Erde gegeben ist>>.

Dabei entspricht die Arbeit der natürlichen Tätigkeit des Menschen aus Lebensnotwendigkeit zur Lebenserhaltung. Im Herstellen offenbart sich das Angewiesensein des Menschen auf die Welt und sein gleichzeitiges Bestreben durch die Künstlichkeit der hergestellten Produkte, seien sie materieller oder geistiger Art oder eine Verbindung aus beiden, der Natur zu widerstehen uns sich selbst Dauer zu verschaffen. Das Handeln schließlichist die eigentliche Bestimmung des Menschen, weil es sich ohne materielle Vermittlung zwischen den Menschen abspielt und damit wesentlich Leben ist, verstanden als <<inter homines esse>>: unter Menschen weilen. Letzteres auf den Punkt gebracht: <<Das Handeln bedarf einer Pluralität, in der zwar alle dasselbe sind, nämlich Menschen, aber dies auf merkwürdige Art und Weise, dass keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird>>

Ein anderer Denker unserer Zeit, der bereits zitierte Erich Fromm, stellt seine Überlegungen über >>die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft<< unter das dialektische Motto: Haben oder Sein … (siehe auch

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