Unbekannte Verwandtschaft

Durch die Schließung der grünen Grenze damals zwischen den beiden Teilen Deutschlands und die Gründung von zwei deutschen Staaten brach die Verbindung zu den westlichen Verwandten meiner Mutter ab. Wir durften nicht mehr hin, meine Mutter dann erst wieder, als sie Rentnerin war. Nicht mal zur Beerdigung ihres Vaters durfte sie fahren.

Nach der Wende 1989 fuhr die 2. Frau meines Halbbruders zur westlichen Verwandtschaft, um zu „betteln“, denn sie liebte schon immer  das Westgeld.

Das war mein Grund,  trotz der neuen Möglichkeiten keine Verbindung dorthin zu suchen. Ich schämte mich ihrer. – Als jetzt meine Tochter durch eine neue Arbeitsstelle in die Heimat meiner Mutter verschlagen wurde und es feststand, dass ich ihr folgen würde, suchten wir uns ihre Heimatstadt als neuen Wohnort aus. Ich bezog eine Wohnung ganz in der Nähe des Wohnhauses, in dem meine Großeltern vor mehr als 60 Jahren zur Miete wohnten.  Einiges hatte ich mir aus meiner Kindheit gemerkt, konnte das Eisengusstor zum Hof und die Gitter vor den Fenstern, die verhindern sollen, dass man auf die Straße stürzt, wieder erkennen.

Von dieser Bettel-Schwägerin kannte ich die Adresse des Hauses, in dem mein Cousin lebt und Weihnachten fasste ich mir ein Herz und schrieb ihm einen Gruß. Jetzt haben wir Februar, ich hatte keine Hoffnung mehr auf eine Reaktion, wusste ja, dass er noch älter ist als ich und mir ist nicht bekannt, in welchen Verhältnissen er jetzt lebt.

Wie habe ich mich darum heute gefreut, als sich die älteste Tochter meines Cousins mit einer wunderschönen Doppelkarte mit Vögeln und bunten Schmetterlingen drauf bei mir meldete, dass sie meine Karte gezeigt bekommen habe und neugierig auf die „unbekannte Verwandtschaft“ sei, da sie ganz in der Nähe wohne und sogar in der gleichen Großstadt arbeite, wie meine Tochter.

Da sie mir außer ihrer postalischen Adresse auch ihre E-Mail schrieb, habe ich gleich geantwortet. Als aber ein Anruf auf mein neues Handy kam, konnte ich das Gespräch nicht schnell genug annehmen, weil mir noch nicht alle Funktionen geläufig sind.

Nun bin ich gespannt, was weiter geschieht. Die e-Mail-Adresse lässt einige Fantasie vermuten, die Auswahl der Karte eine Naturliebhaberin, wie ich ja auch eine bin. Schließlich war ihr Ahn, mein Urgroßvater, ein Waldarbeiter. Da könnten  sich bei uns beiden ähnliche Gene finden lassen!!!

Wieder einmal muss ich warten, was ja so schwer ist, oder postalisch reagieren. Schließlich hatte sie nichts über ihre Familie geschrieben, ich kann nur dem Namen nach wissen, dass sie verheirates ist oder war.  Aber ich habe in meiner Antwortmail einiges über uns erzählt und hoffe, dass es nicht in ihrem Spamordner gelandet ist, hoffe, dass sie wirklich hinter dem  unbekannten Anrufer steckt.

Es wäre einfach  schön, in dieser doch sehr fremden Stadt eine „verwandte Seele“ kennenlernen zu dürfen.

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